Sonntag, 30. September 2007, 10 Uhr
Das erste Treffen der Laufgruppe „0 auf 21“. Harry Trost ist unser Leiter
und sieht erschreckend fit aus. Wir beginnen mit der Vorstellungsrunde.
Heute laufen wir nicht; wenigstens ein richtiger Trost.
Die sind ja alle schon richtige Profis. Was mache ich nur hier? „Ja, so
an die 30 Kilometer laufe ich in der Woche“, meint der eine und die andere
berichtet, „ich laufe so eine Stunde am Stück und das dreimal in der Woche“.
Spinnen die? Das kann doch gar nicht sein.
Ich bin Mitte 40, wiege 80 Kilo und habe Angst.
Beim „googeln“ mit den Stichwörtern „Marathon, Übergewicht, Mann und Mittelalter“
kam heraus: „TU ES NICHT!!!“
Und jetzt bin ich selber dran: „Ja, also, ich will eigentlich nur mal
schauen, ob ich das vielleicht kann.“ Aus den Augenwinkeln sehe ich zum
Glück viel zustimmendes Nicken.
Harry meint einfach nur: „Du schaffst das, vertraue mir.“ Na, dann vertrauen
wir eben.
Donnerstag, 4. Oktober 2007, 18 Uhr.
Es geht los. Wir gehen, huch, wieso laufen wir nicht? „Erst einmal langsam“,
meint Harry. Das Herz und die Muskeln müssen sich an die steigende Belastung
erst einmal langsam gewöhnen. Ok, das ist gut so. Bei diesem Tempo können
wir bleiben. Leider laufen wir dann doch los. Runden drehen, das ist so
ein Lieblingswort dieser Läufer. „Wir drehen ein paar Runden“, meint Harry,
versehen mit dem Zusatz, „zum Warmwerden…“
Der Begriff „paar“, den kann man doch auch groß schreiben. Weiß Harry
das eigentlich nicht? Immerhin gehen wir die Sache wirklich langsam an,
zwischendrin kommt auch wieder schnelles Walken. Die TVL-Leichtathletik-Jugend
gibt freche Kommentare zu den walkenden und langsam joggenden Oldies.
„Follow me“ steht auf Harrys Hemd hinten drauf. Wir schwitzen schon ein
wenig. Aber es fühlt sich irgendwie dennoch gut an. Man tut etwas…
Sonntag, 7.Oktober 2007, 10.15 Uhr
Ja, wo laufen sie denn? Bin dann mal weg. Urlaub ist wichtig. Gelenke
müssen auch geschont werden. Drehe mich noch einmal um im Bett.
Donnerstag, 11. Oktober 2007, nachmittags
Urlaub ist was Feines, auch wenn man einfach nur mal in die Stadt geht.
Im Sportschuhladen auf das Laufband gestiegen. Mensch, das sind ja Knickfüsse.
Das hätte ich nicht gedacht. Diverse Schuhmodelle anprobiert, bis es das
richtige war. Gehe sonst immer nach der ersten Hosen aus dem Kleiderladen.
Ob man sich durch den Laufsport psychisch verändert?
Selber Tag, 18 Uhr
Die Schuhe sind wirklich gut. Hatte sonst immer leichte Knieschmerzen.
Klar, wenn der Knick in den Füssen ausgeglichen wird, dann tut es weiter
oben auch nicht weh. Habe nicht vor, dem Orthopäden seine Luxusyacht zu
finanzieren. Also Knie schonen. Laufen jetzt in der Gruppe zusammen schon
mit einem Lächeln auf den Lippen und können uns dabei noch unterhalten.
Harry macht weiter schön viele Gehpausen. Nur nicht überfordern.
Donnerstag, 18. Oktober 2007, 18 Uhr
Wir laufen und laufen und laufen. Sechs Kilometer waren es heute. Na ja,
weiterhin machen wir dabei auch Gehpausen, aber wir bleiben in der Gruppe
zusammen und kommen gemeinsam am Ziel an. Kenne die meisten jetzt mit
Namen und weiß, was sie machen. Wir haben beim Laufen immer noch Luft
zum Reden. Nach fünfzig Minuten sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt
und gehen ohne Muskelkater nachhause. Denn Harry dehnt mit uns danach
immer intensiv die müden Muskeln und Knochen.
Sonnabend, 27.10.2007
Berufsbedingte Fortbildung zum Thema Sportmedizin und Sport im höheren
Alter gehabt. Auf den Folien sind immer so Männer mit Übergewicht abgebildet.
Wusste gar nicht, wie viele so sind wie ich. Sie gelten als die Hochrisikogruppe
der Sportmediziner. Diese Typen haben jahrzehntelang keinen Sport gemacht,
waren früher ganz tolle Fußballer oder Tennis-Cracks, sind entschieden
zu dick und rauchen vielleicht noch. Und auf einmal soll es ein Marathon
sein… Muss mich morgen unbedingt von Harry trösten lassen. Aber auf jeden
Fall: keinen falschen Ehrgeiz entwickeln.
Sonntag, 28.10.2007
Ernährungsberatung: Martina Scholz, Diplom-Ökotropholgin, so nennt man
heute die Leute, die etwas von Ernährung verstehen. Die Dame ist fit und
so schlank, die hat von Weizenbier und Gänsebraten in ihrem ganzen Leben
nur etwas in der Vorlesung gehört. Diesen Geschmack im Gaumen und diesen
Duft in der Nase, kennt sie den überhaupt? Jedenfalls redet sie kühn über
Kohlenhydrate und schmackhafte Gemüsegerichte. Ihr Credo: „Die Beilagen
müssen größer werden“. Na gut, wenn dann auch das Fleischstück größer
wird… Aber so meint sie das leider nicht. Also jetzt auch noch die Ernährung
umstellen. Was tut man nicht alles…
Donnerstag, 1. November 2007, 18 Uhr
Es wird ganz schön schnell dunkel. Ist ja auch Herbst. Gut, dass wir Lampen
haben. Man sieht schon ziemlich dämlich aus. Gut, dass es dunkel ist.
Stirnlampe, dann so gelbe Bänder um die Arme. Ganz schick sind die mit
den Blinklämpchen; gab´s beim Aldi im Angebot. Und auf dem Rücken die
Wasserflasche. „Ihr müsst trinken lernen“, hat uns Harry eingeschärft.
Denn beim Laufen verbrauchen wir viel Wasser und da gehen auch Elektrolyte
verloren. Gut, dass man sich an die Ernährungsberatung erinnert. Es braucht
keine teuren Energydrinks; Wasser mit einer Prise Salz und etwas Zitronenaroma
ist auch in Ordnung.
Donnerstag, 8. November 2007, 18 Uhr
Dunkel wie üblich, auch noch leichter Regen, die Laufjacken bewähren sich.
Wir laufen entspannt den Rhein entlang. Faszinierend, dass man inzwischen
Strecken bewältigt, die vorher unerreichbar schienen.
Sonntag, 11.November 2007, 10.15 Uhr
Hellau, hat keiner gemerkt. War bei der morgendlichen Besprechung überhaupt
kein Thema. Harry schaut uns kritisch an und fragt nach Herzfrequenz und
Anmeldung für Volksläufe. Jetzt wird es ernst. Seitdem wir laufen, findet
Gottesdienst sonnabends statt. Gut, dass wir in Mainz so viele Kirchen
haben. Sonntags haben wir nämlich keine Zeit, sondern müssen uns bewegen.
Heute zum ersten Mal ohne Pause fünf Kilometer gelaufen. Ging eigentlich
ganz gut. Auf dem Heimweg kamen uns die Läufer der Fortgeschrittenen-Gruppe
entgegen. Die haben das Projekt schon vor einem Jahr gemacht und jetzt
wollen sie Weltrekorde brechen. Das werden wir wohl nicht erreichen. Da
bleibe ich lieber Dauer-Anfänger. Ziele nicht zu hoch stecken…
Sonntag, 18.November 2007, 10 Uhr
Orthopädin Frau Dr. Winkler füttert uns mit neuen Infos. Laufen ist gesund,
aber man sollte nicht zu dick sein. Was soll das denn nun schon wieder?
Mache mich in der letzten Reihe ganz klein. Werde weiter laufen!
Sonnabend, 24. November 2007, 14.20 Uhr
Lindenseelauf in Rüsselsheim. Wir laufen 5 Kilometer. Das ist ja lachhaft;
das schaffen wir doch locker. Den Lindensee sehen wir zwar nicht, den
sieht nur die Fortgeschrittenen-Gruppe, denn die läuft 15 Kilometer, aber
wir kommen alle locker ins Ziel. Danke Harry.
Sonntag, 2. Dezember 2007, 10.15 Uhr
Wir spenden für die Kinderkrebsaktion „Wünsch Dir was“ und laufen ganz
seelig unsere 10 Kilometer. Na ja, das waren nur knapp zehn Kilometer.
Genau genommen waren es 9900 Meter. Tja, wir haben inzwischen aufgerüstet.
Obwohl noch nicht Weihnachten ist, haben wir schon zwei GPS-gesteuerte
Pulsuhren; gibt´s von Garmin; finden Männer toll; sind teuer und sind
die Märklin-Eisenbahn des männlichen Joggers, also Spielzeug. Aber: es
motiviert, und das zählt, weiter so.
Sonntag, 9. Dezember 2007, 10.45 Uhr
Teilnahme am Nikolauslauf in Weiterstadt. Zehn Kilometer! Die können ganz
schön lang und länger werden. Die Strecke ging über zweimal 5 Kilometer.
Nach der ersten Runde wäre aufhören schon nicht schlecht gewesen. Aber
nein, es ging noch mal auf die Runde. Am Ende ist die ganze Gruppe im
Ziel angekommen. Der Zielsprecher staunte über die Massen vom TVL. Harry
hat uns alle über die gesamte Strecke gebracht. Harry, vielen Dank dafür.
Aber, weißt Du eigentlich, dass das noch nicht einmal die Hälfte des Halbmarathons
ist…?
Donnerstag, 13.Dezember 2007, 18 Uhr
Kleideranprobe. Damit wir alle in einem einheitlichen Bild laufen, probieren
wir unsere neuen Laufhemden an. Die müssen natürlich locker sitzen und
wir laufen ein wenig Werbung für unseren Sponsor. Selbst ein echter TVLer,
aber zur Zeit meistens im Dienst und ohne Sport und mit Kniebeschwerden….
Da laufen wir doch aus Mitleid lieber wieder los.
Sonntag, 23. Dezember, Donnerstag 27. Dezember, Sonntag 30.12.2007
Harry, wieso laufen wir denn ständig weiter? Es ist doch Weihnachtszeit!!!
Am 27. laufen wir im Dunkeln und entdecken dabei völlig neue Wege mitten
in Laubenheim. Wir laufen quer durch den ganzen östlich der Eisenbahn
gelegenen Teil unseres schönen Ortes. Den Hang auf der anderen Seite der
Eisenbahn lassen wir sicherheitshalber aus; da geht es bergauf und wir
wollen ja nicht übertreiben.
Sonntag, 6. Januar 2008, 10 Uhr
Frohes neues Jahr. Wir laufen entspannt und mit Tempobegrenzung immer
weiter. Diesmal müssen wir dabei auch noch den Beckenboden trainieren.
Und schwupps laufen wir am alten Kümmerling-Gebäude in Bodenheim vorbei
und auch locker wieder zurück. Knapp elf Kilometer haben wir heute bei
Sonnenschein zurückgelegt. Harry hat uns angewiesen, nicht zu schnell
zu laufen, damit unser Puls nicht in zu große Höhen wandert. Langsamer
kommt man nämlich weiter.
Donnerstag, 10.Januar 2008, 18.30 Uhr
Immer noch dunkel, wann ist eigentlich Frühlingsanfang? Harry lässt uns
auf dem Sportplatz laufen. Eigentlich ganz romantisch mit dem Nebel über
dem Sportplatz bei Flutlicht. Wir drehen Runde um Runde, das fällt einem
irgendwie ganz leicht. Kein Vergleich mit dem Anfang im Herbst. Ist das
wirklich schon so lange her? Peng, da kommt der Platzwart und das Flutlicht
ist aus. Die Kartoffelecken beim Stammtisch schmecken hervorragend und
die Stimmung in der Gruppe ist prima. Irgendwer spinnt etwas vom New York
Marathon 2009… Gute Nacht Leute.
Sonntag, 13. Januar 2008, 10 Uhr
Eisenbahnbrücke hin und zurück. Wir werden immer besser! Locker durchlaufen,
die Gruppe bleibt zusammen und bei Bedarf drehen wir eine kleine Runde,
um wieder zusammenzukommen. Und wir können dabei reden. Laufen macht irgendwie
Spaß.
Donnerstag, 31. Januar 2008, 18 Uhr
Mist, da ist irgendetwas passiert. Beim Laufen ist es so schwer, das Bein
zu heben. Wird schon nichts schlimmes sein. Einfach weiter laufen.
Sonnabend, 2. Februar 2008, 13.45 Uhr
Fastnachtslauf in Groß-Gerau. Interessante Toilette und nettes Publikum.
Aber der Weg ist ganz schön lang. Die Beine wollen nicht, das linke Bein
lässt sich nicht richtig heben. Mensch, das tut weh und das Herz schlägt
viel zu schnell. Was ist da los? So war das noch nie, das Laufen fällt
richtig schwer. Alle anderen wegrennen lassen, hat ja doch keinen Sinn.
Zwischendrin mal laufen. Wenigstens ist das Wetter gut. So komme ich bis
zum siebten Kilometer, dann siegt der Ehrgeiz. Ich kann doch nicht nur
gehen; nein, die letzten 3000 Meter werden gelaufen. Die Cracks kommen
mir schon locker und lächelnd entgegen, die Fastnachtsmütze auf meinem
Kopf sitzt immer schiefer. Am Ende kommt mir Harry entgegen und rettet
mich ins Ziel. Das war eine ganz neue Erfahrung. Jetzt erst einmal wieder
gesund werden.
Donnerstag, 21. Februar 2008, 18 Uhr
Das war eine lange Pause; das Bein hat wieder Kraft, geht doch, vielleicht
sollte ich doch noch mehr abnehmen. Immer diese Orthopäden, meinen immer,
sie hätten recht. Und vielleicht stimmts ja. Na ja, ist ja sowieso Fastenzeit.
Hauptsache das Laufen geht wieder.
Fortsetzung folgt ...
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